Es beginnt genau dort: bei der Absenz des Sichtbaren. Wie beschreibt man das Unfassbare? Das, was sich Form und Darstellung entzieht? Wie nähert man sich jener Wirklichkeit, die zugleich metaphorisch und radikal konkret unfassbar ist?
Diese Fragen durchziehen die künstlerische Arbeit von Philip Stoll. Seine Fotografien entstehen aus einer Haltung der Aufmerksamkeit, aus einem langen Verweilen und aus einer Form des Zuhörens gegenüber Orten. Sie zeigen Landschaften, Bäume, Lichtungen, Nebel, Wege und Horizonte. Gleichzeitig öffnen sie Räume für das Unfassbare, in denen Geschichte, Erinnerung und Zukunft als gegenwärtige Kräfte erfahrbar werden.
Todtnauberg 2.0
Als wir gemeinsam nach Todtnauberg reisten, wurde mir deutlich, wie viele Zeitschichten sich in dieser Landschaft überlagern. Der Schwarzwald erscheint heute als Naturraum, als kulturelles Symbol und als Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte. Zugleich trägt er die Spuren menschlicher Eingriffe über Jahrhunderte hinweg in sich. Die monumentalen Tannen- und Fichtenlandschaften erzählen von Aufforstung, Forstwirtschaft, Handel und frühen Formen globaler Vernetzung. Die Bäume des Schwarzwaldes gelangten bis nach Amsterdam. Sie wurden zu Fundamenten der Stadt, konserviert im Morast und zu Masten jener Schiffe, die die koloniale Expansion in die Welt trugen. Landschaft und Weltgeschichte, Idylle und Empire verwoben in der Zeit.
Der Schwarzwald ist ein Ort besonderer Verdichtung. Seine Dunkelheit besitzt eine eigentümliche Qualität. Bereits die Römer sprachen vom „silva nigra“, vom schwarzen Wald. Phillip Stoll nähert sich dieser Landschaft über Licht und Schatten. In seinen Bildern begegnen sich beide als schöpferische Kräfte. Dort, wo Licht und Schatten ineinander übergehen, entstehen Farben. In der Landschaft entsteht an diesen Übergängen Vielfalt. Die ökologisch reichsten Räume finden sich häufig an den Säumen, an den Übergängen zwischen Wald und Offenland, zwischen Helligkeit und Dunkelheit. Gerade diese Beobachtung wird für Stoll zu einem ästhetischen und philosophischen Motiv.
In seiner Fotografie Todtnauberg 2.0 treten die Bäume erst bei genauer Betrachtung langsam hervor. Licht wird tastend sichtbar. Wer lange genug schaut, entdeckt Schichten, die sich erst allmählich offenbaren. Eine andere seiner analogen Fotografien aus Todtnauberg besitzen eine silberne Lichtqualität, die mich bis heute begleitet. Eine besondere, kalte, scharfe Form von Klarheit. Eine Klarheit, eine Spur von kühlem Dasein.
Vielleicht führt genau diese Spur auch zu Martin Heidegger und Paul Celan.
Todtnauberg ist längst zu einem Ort geworden, an dem sich Philosophie, Dichtung und Geschichte überlagern. Die Begegnung zwischen Heidegger und Celan besitzt bis heute eine besondere Intensität. Zwei außergewöhnliche Stimmen des 20. Jahrhunderts treffen aufeinander. Der eine prägt die Philosophie seiner Zeit und verlor sich im Nationalsozialismus, der andere findet nach der Katastrophe des Holocaust eine neue Sprache für die deutsche Dichtung. Zwischen beiden ein Band, die einer geistigen Freundschaft, einer unausgesprochenen Möglichkeit gleicht. Die beiden Persönlichkeiten suchen nach Berührung, durchziehen Wege und More auf ihren Gängen, im Schweigen, im Gespräch, schließlich in der nicht erfüllten Übereinstimmung.
Philip Stoll spürt dem nach, legt den lebendigen Bezugspunkt dieser Bewegungen offen. Während unseres Aufenthalts in Todtnauberg bewegten wir uns durch dieselben Wälder, über dieselben Wege. Wir übernachteten in der Nähe der Hütte. Gespräche über Heidegger, Celan, Yehudit Sasportas und die Landschaft begleiteten uns durch Tage voller Regen, Nebel und jenen silbernen Lichtstimmungen, die auf vielen Stolls Kunstwerken aufscheint.
Besonders eindrücklich erscheint mir dabei die Verdichtung von persönlichem Schmerz und Weltereignis, individueller Erfahrung und historischer Verantwortung. Aus dieser Spannung entsteht eine Frage, die bis heute weiter wirkt: Wie kann ein Gespräch fortgeführt werden, das weit über die beiden Beteiligten hinausweist?
Vielleicht liegt die Bedeutung dieser Begegnung gerade in ihrer Offenheit. Sie wirkt wie eine angebotene Wunde, eine Einladung an spätere Generationen. Das Gespräch setzt sich fort. Es lebt in den Leserinnen und Lesern, in den Künstlerinnen und Künstlern, in den Wäldern, in Gedichten und Bildern.
An diesem Punkt verbindet sich Stolls Arbeit mit dem Begriff des „Presencing“, den Otto Scharmer in einer französischen Übersetzung des Heigeggerischen Begriffs Anwesen entwickelt hat. Es beschreibt, wie ein Sich-zur-Erscheinung-Bringen prozesshaft vollzogen wird. Das Mögliche wird spürbar. Eine neue Wirklichkeit beginnt sich anzukündigen. Vergangenheit und Zukunft konstituiert sich in der Lichtung der Gegenwart.
Ortswechsel: Rwanda linger on my doorstep, so do I
Einen Tag verbrachte Stoll an der Genozid-Gedenkstätte Murambi in Westafrika. Seine Arbeit bestand aus Wahrnehmung. Aufmerksamkeit schärfen, Konzentration über Stunden hinweg, immer wieder Schritt für Schritt über das Gelände. Zentrum und Peripherie traten in seiner Wahrnehmung in Beziehung. Licht, Temperatur, Wind, Vegetation und Topographie wurden zu einer Sprache, der er lauschte.
Unter dem Gras lagen die Massengräber, in denen über fünfzigtausend Menschen begraben sind.
Beim Gehen wurde die Geschichte körperlich spürbar. An manchen Stellen senkt sich der Boden leicht ab, weil die Körper mit der Zeit zerfallen, die Topographie verändern. Die Erde zeichnete nach, was sie in sich trug und verstoffwechselt. Die Landschaft spricht durch ihre Form.
Über viele Stunden bewegte sich Stoll durch diesen Raum. Er ruhte auf einer Bank, auf dem Gras, glitt in einen luziden Zustand zwischen Schlaf- und Wachbewusstsein, trat so in eine erhöhte Aufmerksamkeit ein. Die Menschen der Gedenkstätte erkannten seine Arbeitsweise, obwohl kaum ein gemeinsames Wort möglich war. Zwischen ihnen entstand ein stilles Verständnis. Sie stellten ihm einen Raum mit Matratze und Tisch zur Verfügung, einen Ort des Rückzugs für diesen Tag.
Besonders prägend waren die ehemaligen Schulgebäude der Anlage. Die geborgenen, mit Kalk konservierten Körper der Opfer ruhen dort auf einfachen Holzpritschen. Kalkgeruch erfüllt die Räume. Licht fällt durch Fenster, die teils offen stehen, teils zerbrochen sind. Die Gebäude tragen seit Jahrzehnten die Spur dessen, was geschah. Geschichte erscheint hier als unmittelbare Gegenwart.
Der Satz und Titel einer Stolls Arbeiten “Rwanda linger on my doorstep, so do I” berührt an einer Stelle, die schwer zu greifen ist. Unfassbar entrinnt etwas und öffnet diesen Raum der unmittelbaren Gegenwart. In ihm der Ausdruck der Verdichtung der Aufmerksamkeit vor Ort , die gleichzeitig eine Weigerung in sich trägt, Geschichte als Vergangenes zu archivieren.
Der Brunnen fließt noch
Daraus, ob Todtnauberg oder Ruanda, erwacht die Möglichkeit einer Berührung von Schmerz und Hoffnung auf besondere Weise. Hoffnung, die keine Zukunft als Ideal projiziert. Sie überspringt nicht den Schmerz, sondern bleibt bei ihm. Im Unfassbaren wird Hoffnung zur aktiven, schöpferischen Kraft, der eingefrorene Schmerz zugänglich. So entsteht zwischen Hell und Dunkel, zwischen Schatten und Licht, ein Verständnis für das Potenzial eines Ortes.
Eine Bereitschaft, im Unfertigen anwesend zu sein. Eine Quelle ansich: Ein Wiederbeginnen aus dem, was ein Ort an Potenzial in sich trägt. Im Gespräch beschreibt er es als eine Arbeit, die dem Werden eines Ortes folgt, einem Kodex der Natur, aus dem heraus sich Vielfalt entfaltet. So wie eine Landschaft sich nicht reparieren, sondern nur aus ihrer eigenen Kraft weiterentwickeln lässt, beginnt auch hier etwas zu arbeiten, sobald jemand bereit ist, hinzuhören.
Meist beginnt dies in einer Stille, eine rauschende Stille, ein Lauschen auf das evolutiv Fließende. Es ist die Stelle, an der das Wasser wieder in Bewegung gerät, das lange stockte. Der Brunnen fließt noch. Es ist ein Bezugspunkt, von dem aus geschöpft werden kann, ohne dass schon feststünde, wohin die Reise geht. Was daraus entsteht, zeigt sich nicht im Voraus. Es zeigt sich erst im Gehen. Diese Praxis durchzieht Stolls Werk als intime Verschränkung von Versöhnung, Schmerz und Hoffnung. Sie wendet sich dem Gegenwärtigen zu. Indem das Unfassbare in die Anwesenheit geholt wird, wird Hoffnung zur aktiven, schöpferischen Kraft, durch die das Gewesene gegenwärtig wird.
Horizont
Vielleicht liegt hierin die tiefere Verbindung zwischen Ruanda, Todtnauberg, Celan, Heidegger, Yehudit Sasportas und den Fotografien von Philip Stoll. Alle diese Orte und Begegnungen kreisen um dieselbe Frage: Wie wird Anwesenheit möglich? Wie erscheint etwas, das lange im Verborgenen lag? Und wo, zwischen dem Verborgenen und dem in die Anwesenheit Geholten wieder etwas fließt.
Adrian Wagner, 4. Juni 2026
Adrian Wagner & Philip Stoll, Black Forest Dialog Part 1
Dieser Text entstand aus einem persönlichen Gespräch zwischen Adrian Wagner und dem Künstler Philip Stoll.